Daniela Scheurer

gemeinsam.spielend.wachsen.

„Erziehe dein Kind wie einen Hund“ – warum ich die Petition unterschrieben habe

Aus gegebenem Anlass. Gestern strahlte RTL die (glaube ich) erste Folge eines neuen Serienformats aus. „Erziehe dein Kind wie einen Hund„. Der Name der Sendung ist Programm. Eine Hundetrainerin gibt Tipps für Familien in herausfordernden Situationen. Klingt komisch? Ist es auch. Ich hab mir – trotz (oder gerade deshalb?) sämtlicher Boykottpostings und Petitionen die Sendung angesehen. Ich wollte wissen, was ich unterschreiben soll. Ich gebe nämlich zu, dass ich so naiv war zu glauben, dass es ja nicht so schlimm sein könne.

der große Boykottaufruf in den sozialen Medien

Ich selbst habe keinen Fernsehanschluß, somit interessiert mich im Normalfall auch kein Fernsehprogramm. Als ich am Abend des 3. Jänners durch Instagram scrolle, fällt mir ein Posting auf, das dazu aufruft, oben genannte Sendung zu boykottieren. Das macht mich neugierig und ich beginne zu recherchieren. Aha, da gibt es also im Vorfeld schon Petitionen, die dazu auffordern, dass so ein Format nicht ausgstrahlt werden darf. Und es gibt unzählige Menschen, die dazu etwas zu sagen haben.

Neben anderen postet Katja Saalfrank ein langes Kommentar, das mich noch neugieriger macht. (kann sich hier noch jemand an die Super Nanny erinnern?) Unter anderem schreibt sie über ihre eigenen Erfahrungen im Fernsehbusiness.

Ach, so ist das also. Der Fernsehsender gibt vor, was zu tun ist. Was wir alle vermuten zu glauben, wurde hiermit bewiesen. Vielen Dank an dieser Stelle für den Mut zur Veränderung, für das Annehmen einer Herausforderung, ein ganzes TV-Format zu verändern! Ich hab die Super Nanny nach dem „stillen Stuhl“ nicht mehr gesehen. Katia Saalfranks Distanzierung von diesen Maßnahmen macht mit mir persönlich mehr, als mir lieb ist. Es versöhnt mich, es löst Verständnis aus, es ruft Hochachtung hervor.

Warum ich mir die Sendung angesehen habe

Als ich also so am Recherchieren bin, fühle ich neben Empörung (wie kann man nur?) auch ein bisschen Verpflichtung. Und schon winde ich mich: wenn ich nicht weiß, was in dieser Sendung wirklich passiert, kann ich nicht – niemals! – mitreden. Ich müsste mir von anderen anhören, was da mit Kindern gemacht wird und einfach glauben, was ich so lese und höre. Bis Mitternacht halte ich durch, doch dann steht mein Entschluss fest: ich MUSS wissen, was hier vor sich geht! Und glaubt mir, hätte es nicht so großes Aufsehen um die Sendung gegeben, ich hätte sie mir nie im Leben angesehen. Es hätte mich weiterhin Nüsse interessiert und ich hätte in meiner fernsehlosen Blase weitergelebt. Ich hätte aber auch die Petition nicht unterschrieben!

Diese NICHT-Sätze! Stell dir ja keinen rosa Elefanten vor! Geh nicht auf Straße! Wir können sie unendlich fortführen. Ein NICHT-Satz ist immer eine Aufforderung, genau das zu tun, was wir eigentlich nicht sollten. Mein Gehirn hat diesmal hervorragend mitgespielt. Dieser Boykott als indirekte Werbung wirkte Wunder! Wenn jemand sagt, du sollst dir das ja nicht ansehen, was verpasse ich dann? Können wir unsere Neugierde, unsere Sensationsgeilheit ausblenden, einfach wegschieben, uns verkneifen? Wem das gelungen ist, dem gratuliere ich herzlich. Mich hat es gestern tief hineingezogen in die Welt der etwas anderen Umgangsweisen.

Die Hund-Kind-Methode

Vorgestellt werden 2 Familien mit unterschiedlichen Schwierigkeiten. Ein Kind will nicht in seinem eigenen Bett schlafen und nicht Zähneputzen, das andere wird vorgeführt als schreiender Tyrann, gegen den die Eltern machtlos sind.

Eines vorweg: Die Absichten und Ziele der Hundetrainerin sind legitim und nachvollziehbar. Sie versucht auch, die Bedürfnisse der Kinder zu verstehen und zeigt den Eltern, wie sie mit ihren Kindern in Kontakt kommen können. Der Zweijährigen, die nicht in ihrem Bett schlafen möchte, wird eine Massage darin angeboten, die Decke, die später mit ins Bett soll, wird vorab ordentlich bespielt, um sie „positiv zu besetzen“.

Die angewandte Hund-Kind-Methode war für mich wenig spektakulär. Da ich selbst Hundebesitzerin bin, weiß ich, was Hunde alles für ein Leckerli machen. Die Belohnungsgeschichte funktioniert mit meinen Hunden wunderbar. Den Klicker kannte ich noch nicht. Der Klicker kündigt eine Belohnung an, die das erwünschte Verhalten des Hundes/Kindes positiv verstärkt. So wie der Hund wird auch das Kind konditioniert.

Bei der Vierjährigen wird ein „Codewort“ (in diesem Fall „Teddybär“) erfunden, das immer dann eingesetzt wird, wenn die Mutter möchte, dass ihr Kind es anschaut. „Teddybär“ – Kind schaut in meine Richtung (es hört auf mich!) – Kind bekommt eine Belohnung, die mit dem Klicker angekündigt wird.

Die Problematik hinter der Methode

Während der erste Fall doch noch recht nett anmutet, und erst bei genauerer Auseinandersetzung eigenartig erscheint, wird Fall 2 für mich zur emotionalen Herausforderung. Hier wird das Kind darauf trainiert, auch in fokussierten Situationen (z.B. am Spielplatz beim Klettern) auf das Codewort zu reagieren. Die Belohung dafür ist die Aufmerksamkeit der Mutter. Mit Klick.

Klingt doch super, oder? Erziehen wir uns doch gehorsame Menschen, die das tun, was die Obrigkeit will. In Abhängigkeit von einer Belohnung, die vielleicht einzige Möglichkeit, sichtbar zu werden, in Beziehung zu gehen. Hier wird ein menschliches Bedürfnis missbraucht. Das Bedürfnis nach bedingungsloser Liebe und Kontakt. Was, wenn wir immer etwas erfüllen müssen, um uns Liebe zu verdienen? Was passiert, wenn wir immer brav sein müssen, um gesehen zu werden? Geht es dir vielleicht so? Was musstest du entwickeln, um geliebt zu werden?

Egal wie man es nennt, ob Belohnung oder positive Verstärkung. Was bleibt ist das: „Du bist nur dann gut, wenn du tust, was ich von dir verlange!“ Jedes Beziehungsangebot wird missbraucht, das Bedürfnis des Kindes zählt nicht. Jesper Juul bezeichnet Belohnung von Kindern als „postmoderne Form von Bestrafung“. Eine Belohnung ist immer eine Form der Manipulation. Wenn du das tust, dann darfst du das. Wenn du dich so verhältst, dann hab ich dich lieb.

Das eigentliche Problem ist sehr viel komplizierter: Es ist die Botschaft hinter der Belohnung, die dem Kind mitteilt: „Ich vertraue nicht darauf, dass du dich angemessen benimmst, wenn ich dich nicht belohne.“ Das ist ein eindeutiger Misstrauensantrag an das Kind. Er ignoriert die nachgewiesene Fähigkeit des Kindes und seine Bereitschaft, sich „anzupassen“ und zu kooperieren. Die überwiegende Mehrheit von Eltern, die ich kennengelernt habe, wünscht sich, dass ihre Kinder mit viel Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen aufwachsen. Ganz anders als die Generation meiner Eltern.“ (Ausschnitt aus „Braucht Erziehung Bestrafen und Belohnen?“ – Jesper Juul im Standard)

Nun gut, jeder darf selbst entscheiden, welche Beziehung er zu seinen Mitmenschen pflegen möchte. Ich möchte keinen Machtmissbrauch unter dem Deckmantel der Pädagogik.

Wenn du das auch nicht möchtest, kannst du hier die Petition unterschreiben!

Warum ich weiterhin keinen Fernsehanschluss haben werde

Tja, diesmal war die Neugierde einfach zu groß. Dass ich wissen wollte, warum ein neues Sendungsformat von Anfang boykottiert werden sollte. Ich wollte verifizieren und nicht das nachsprechen, was andere sagen. Ich wollte mir eine eigene Meinung bilden. Jetzt bin ich froh, dass ich mir diese Stunde zu Gemüte geführt habe. Jetzt weiß ich endlich wieder, warum ich dem Fernsehprogramm vor 10 Jahren „Leb wohl“ gesagt habe.

Ich kann die öffentliche Vorführung dieser Kinder nicht aktzeptieren. Dass solche Demütigungen nicht verboten sind, macht mich traurig und wütend zugleich. Kinder haben keine Lobby. Noch immer nicht. Wir zeigen einfach der ganzen Welt, wie diese Kinder ihre größten Nöte ausleben.

Jeder gesunde Erwachsene kann für sich entscheiden, wie er sich öffentlich darstellen möchte. Ein Kind hat diese Möglichkeit nicht. Das entscheiden seine Eltern. Müsste es nicht mehr sein als nur eine Petition, diese Sendung nicht auszustrahlen? Müsste nicht ein Fernsehsender wie RTL die Verantwortung für die Würde dieser Kinder übernehmen?

Ja, jede Familie braucht Begleitung und Unterstützung in heiklen Situationen. Und Menschen, die das wirklich können, gibt es bestimmt genügend. Ich wünsche mir eine Sendung, in der Eltern eine fachlich hochqualifizierte Hilfestellungen erhalten, ohne dass ihre Kinder in prekären Situationen zur Schau gestellt werden! Lasst uns größer denken, dafür brauchen wir RTL nicht.

4 Jan, 2021

0

Für dich bestimmt auch interessant…

Mein Kind schummelt beim Spielen!

Mein Kind schummelt beim Spielen!

"Immer, wenn ich Uno spiele mit meiner Enkeltochter (5 Jahre), sucht sie sich heimlich die Karten aus dem Stapel, die sie brauchen kann. Ich muss nur kurz wegschauen und schon ergreift sie die Gelegenheit. Letztens habe ich mich deshalb so geärgert, dass ich zu ihr...

mehr lesen
Barfuß mit Schal – 63 Fakten über mich

Barfuß mit Schal – 63 Fakten über mich

Beim Bearbeiten meiner Über mich Seite wurde mir klar, dass es viele Dinge gibt, die ich über mich erzählen kann. Und nicht alle sind zwingend funny. Also habe ich kurzerhand beschlossen, einen eigenen Blogartikel daraus zu machen. Und ich finde, 63 ist eine schöne...

mehr lesen

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Pin It on Pinterest

Share This